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Interview mit Dr. Benno Gammerl

Wir haben ein Interview mit Dr. Benno Gammerl geführt. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max Planck Institut für Bildungsforschung.

  • Was ist der Stand der Forschung über die Kontinuitäten des Paragraphen 175 nach dem Nationalsozialismus?

Die Situation Männer begehrender Männer in den 1950er und 1960er Jahren erfreut sich erst seit einigen Jahren zunehmender Aufmerksamkeit. Nicht zuletzt aufgrund der schlechten Presse, welche die „Homophilen“ der Nachkriegsdekaden bei den Wortführern der Schwulenbewegung hatten, waren sie lange in Vergessenheit geraten. Die rechtliche Entwicklung in Ost und West zwischen 1945 und 1969 ist mittlerweile zumindest in groben Zügen dokumentiert, ähnliches gilt für die Strukturen der polizeilichen Verfolgung und für die Nicht-Anerkennung homosexueller KZ-Häftlinge als Opfer des NS-Regimes. Was nach wie vor weitgehend im Dunkeln liegt sind die politischen Bemühungen der „Homophilen“ um Anerkennung und Entkriminalisierung sowie vor allem der Alltag Männer liebender Männer in dieser Zeit: Wie gingen sie mit Verfolgung und Diskriminierung um? Wie schafften sie es, trotz alledem subkulturelle Strukturen zu etablieren? Wie gestaltete sich homophiles Leben und gleichgeschlechtliches Begehren zwischen Ängsten und Hoffnungen, „Josephsehen“ und Bahnhofstoiletten, Gefängniszellen und Theaterlogen?

  • Was sind Ihre Gedanken über das Projekt von Justizminister Maas und die Diskussionen über die Rehabilitation für die Opfer von Paragraph 175?

Es ist ausgesprochen erfreulich, dass die Kriminalisierung des gleichgeschlechtlichen Begehrens im allgemeinen und die verschärfte Fassung des § 175, die die Entgrenzung und Intensivierung der Homosexuellenverfolgung im Dritten Reich und in der frühen Bundesrepublik ermöglichte, von offizieller Seite nun endlich als ein fundamentaler Verstoß gegen die Menschenrechte gebrandmarkt werden. Christine Lüders, der Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes

, gebührt große Anerkennung dafür, dass sie diese Debatte maßgeblich vorangetrieben hat. Dem Rechtsstaat bietet sich so die Gelegenheit, kritische Perspektiven auf seine eigene Geschichte zu entwickeln, und sich von dem begangenen Unrecht zu distanzieren. Und die Männer, die verurteilt wurden, können auf eine – wenn auch reichlich späte – Wiedergutmachung hoffen. Allerdings richtete der § 175 auch jenseits von Gefängnisstrafen großen Schaden an. Beziehungen gingen kaputt, Menschen wurden gekündigt, gewalttätige Angriffe waren keine Seltenheit, manche sahen nur im Freitod noch einen Ausweg. Wie will der Gesetzgeber dieses Leid, für das er letztlich verantwortlich war, entschädigen?

  • Glauben Sie, dass dieses Projekt die Diskussion über den Paragraph 175 im deutschen öffentlichen Raum widerspiegelt?

Ich denke, vielleicht ist es auch eher eine Hoffnung, dass der überwiegende Teil der deutschen Öffentlichkeit heute eine Kriminalisierung des gleichgeschlechtlichen Begehrens für moralisch nicht vertretbar erachtet und ablehnt. Insofern vollzieht die politische Debatte über Rehabilitierung einen Meinungswandel nach, der sich im Lauf der letzten ungefähr dreißig Jahre vollzogen hat. Was mich mitunter überrascht ist, wie wenigen Leuten die Tatsache bekannt ist, dass die Entkriminalisierung der Homosexualitäten im Wesentlichen ein Verdienst der späten DDR ist. Erst 1994 im Zuge der Angleichung des west- und des ostdeutschen Strafrechts stimmte auch der Bundestag der endgültigen Abschaffung des § 175 zu. Wahrlich kein Ruhmesblatt des bundesdeutschen Rechtsstaats.

© F.K Schulz
© F.K Schulz

 

Interview mit Dr. Nina Reusch

Wir haben ein Interview mit Dr. Nina Reusch geführt. Sie ist Historikerin am Friedrich-Meinecke-Institut und Mitglied des Projekts „LSBTTIQ in Baden-Württemberg„.

  • Was ist der Stand der Forschung über die Kontinuitäten des Paragraphen 175 nach dem Nationalsozialismus?

Bereits seit den 1970er Jahren entstanden beachtliche Forschungsleistungen im Kontext der homosexuellen Emanzipationsbewegung. Mittlerweile kommt das Thema auch mehr und mehr in der akademischen Wissenschaft an – das tut nicht nur der Forschung gut, die dadurch breiter und differenzierter werden kann, sondern auch der Geschichtswissenschaft, die so in Berührung mit queeren Fragestellungen und Forschungsthemen kommt.

  • Können Sie uns ein bisschen über Public History erzählen und über Geschichtsunterricht in den deutschen Schulen?

Insgesamt gehört queere Geschichte nicht zum Standardrepertoire in deutschen Schulen, aber es gibt diverse Projekte, die dort ansetzen. Hier in Berlin findet immer im Februar der Queer History Month statt, in dem Schulklassen sich mit queerer Geschichte und anderen queeren Themen inhaltlich oder künstlerisch auseinandersetzen. Zusätzlich bietet die Homepage des Projekts Unterrichtsentwürfe und Materialien für Lehrer_innen an, die gern queere Themen in den Geschichtsunterricht bringen möchten. Auch jenseits der Schule bringen Public History-Projekte queere Geschichte in die Öffentlichkeit – so etwa mit der Ausstellung Homosexualitäten des Schwulen Museums* und des DHM, oder, wie derzeit in Baden-Württemberg, in Verbund mit Forschungsprojekten. Dort startete im letzten Jahr ein Projekt, das Forschung und Public History zur regionalen queeren Geschichte verbindet und partizipative Angebote schafft.

  • Was sind Ihre Gedanken über das Projekt von Justizminister Maas und die Diskussionen über die Rehabilitation für die Opfer von Paragraph 175?

Die angedachte Rehabilitation der Männer, die nach Paragraph 175 verurteilt wurden, ist ein begrüßenswertes und fast schon überfälliges Projekt. Auch eine angemessene Entschädigung für die Opfer dieser homophoben Rechtsprechung sollte umgesetzt werden.

  • Glauben Sie, dass dieses Projekt die Diskussion über den Paragraph 175 im deutschen öffentlichen Raum widerspiegelt?

Ich denke, vielen Menschen war vor der Ankündigung des Justizministers nicht einmal bewusst, dass gleichgeschlechtlicher Sex unter Männern überhaupt so lang strafrechtlich verfolgt wurde in der Bundesrepublik. Daher hat die Diskussion auch erst einmal ein Bewusstsein geschaffen und ist auch daher zu begrüßen.

Interview mit Sadaat Munir. AKS Art, Film & Dialogue Festival in Dänemark & Pakistan

Wir haben ein Skype-Interview mit Sadaat Munir gemacht, der Direktor des AKS Art, Film & Dialogue Festivals in Dänemark & Pakistan ist.

Eine der TEDDY Prioritäten ist, Queer Kunst-Festivals in der ganzen Welt zu fördern. Deshalb ist es uns eine Freude und Ehre, euch das AKS Film, Art & Dialogue Festival, eine Zusammenarbeit zwischen Dänemark und Pakistan vorzustellen.

Lassen Sie sich nicht von diesen drei Großbuchstaben verwirren! AKS bedeutet «Reflexion» oder «Schatten» in Hindi, und symbolisiert den Drang nach der Unterstützung der Sichtbarkeit und der Stärkung der Rolle der queer und transgender Minderheiten. Geboren aus einer Zusammenarbeit zwischen LGBT-Communities in Dänemark und Pakistan, eröffnete das AKS-Filmfestival seine Türen im Dezember 2014 in zwei pakistanischen Städten – Lahore und Islamabad.

Die Situation für die queeren Menschen in Pakistan ist beunruhigend; viele von ihnen bleiben unsichtbar und verdeckt. Deswegen ist es so wichtig für die Gemeinschaft, sich zu äußern, die Menschen zu verbinden und eine Brücke zwischen queer und heterosexuelle Menschen zu bauen. Allerdings verfolgt AKS nicht die Idee eine westliche queere Bewegung in Pakistan zu schaffen. Stattdessen will es mehr Wissen gewinnen und auf das aufbauen,  was bereits in der Gemeinschaft existiert, sowie einen globalen Ansatz auf Geschlecht und Sexualität in der ganzen Welt fördern.
Das Festival findet in Lahore, Karachi und Islamabad (Pakistan) vom 2. bis zum 20. April 2016 statt. Weitere Informationen zum Festival findet ihr auf Homepage www.aksfestival.com

Interview mit TEDDY AWARD Gewinner Daniel Ribeiro

Wir haben ein Skype-Interview mit Daniel Ribeiro gemacht, der 2014 den TEDDY AWARD für seinen Film „The Way He Looks“ bekam. Er spricht über die aktuelle Situation von Minderheiten in Brasilien, darüber welche Wirkung der TEDDY AWARD auf seinen Film hatte, wie Filme das Denken der Menschen ändern können und warum es den TEDDY noch mindestens 90 weitere Jahre geben soll… Ach ja, und Geburtstagsgrüße sendet er uns auch… Schaut rein!

30 Years – 30 Interviews

Der TEDDY AWARD feiert 2016 seinen 30. Geburtstag und führt aus diesem Anlass Interviews mit den bisherigen Gewinnern. Diese sprechen über die Situation für queere Menschen zu dem Zeitpunkt, als sie den Preis gewannen, welche Auswirkungen der TEDDY AWARD auf ihre Filme und ihr künstlerisches Schaffen hatte sowie über die Auswirkungen des Preises auf die Akzeptanz von LGBTIQ-Menschen in ihrem Land.


Tilda Swinton
Special Teddy Award Winner 1988 and 2008


James Franco
Teddy Award Winner 2009 for The Feast of Stephen


Daniel Ribeiro from Brazil
Teddy Award Winner 2014 for The Way He Looks


 Jim Chuchu from Kenya
Teddy Award Winner 2015 for The Stories of Our Lives


Barbara Hammer from the USA
Teddy Award Winner 2009 for A Horse Is Not A Metaphor
and 2011 for Maya Deren’s Sink


Ayat Najafi from Iran
Teddy Award Winner 2008 for Football Under Cover

 

Greta Schiller from the USA
Teddy Award Winner 1984 for Before Stonewall