Kater

Teddy Award Gewinner 2016

And the TEDDY goes to…
Hier findet ihr alle Gewinner des 30. TEDDY AWARDS sowie Informationen zu den Filmen und Interviews mit den Regisseur_innen und Schauspieler_innen.


 Best Feature Film
KATER (TOMCAT)

Kater

Andreas und Stefan leben mit ihrem Kater Moses wie im Paradies. Sie bewohnen ein schönes, altes Haus in den Wiener Weinbergen und arbeiten als Disponent und Musiker im selben Orchester. Die Leidenschaft für die Musik, der große Kollegen- und Freundeskreis und ihr pelziger Gefährte prägen den Alltag der beiden Männer. Doch eines Morgens erschüttert ein unvorhergesehener Gewaltausbruch Stefans die harmonische Beziehung der beiden. Skepsis und Entfremdung bestimmen von diesem Zeitpunkt an den Beziehungsalltag und stellen eine nur schwer überwindbare Hürde dar. Während Stefan den Boden unter den Füßen verliert, ringt Andreas weiter mit seinem Misstrauen und um seine Liebe zu Stefan. Nach seinem preisgekrönten Debüt „März“ inszeniert Händl Klaus in seinem zweiten Werk die Vertreibung zweier Liebender aus dem Paradies. Mit viel Feingefühl für die männliche Seele und den blinden Fleck, den wir in uns tragen, erzählt diese musisch-poetische Ballade von der Fragilität der Liebe. Die Darsteller Philipp Hochmair und Lukas Turtur sind zwei Theatertiere, die mit ihrem naturalistischen Schauspiel zu beeindrucken wissen.

Begründung der Jury
Mithilfe der herausragenden Performance einer Katze, nutzt KATER seinen haarigen Star, um die Gewalt, die unter der Oberfläche eines scheinbar idyllischen Lebens lauert, bloß zu legen. Überraschenderweise ist es kein lesbischer Film, dessen Geschichte die ehrliche und einfühlsame Liebe zwischen zwei Männern porträtiert, wie sie selten auf der Leinwand gezeigt wird. Autor/Regisseur Händl Klaus und sein Team brachten einen meisterhaften Schnitt, wunderschöne Kinematographie und eine großartige Leistung des menschlichen Ensembles zusammen, um eine spannungsvolle Atmosphäre zu kreieren. Das Resultat ist ein packender und verwirrender Film, der zum Nachdenken anregt und das Publikum auch lange nach Verlassen des Kinos nicht loslässt.



 Best Documentary-/Essay Film
KIKI

Kiki

25 Jahre nachdem Paris is Burning, Teddy-Gewinner 1991, dem Berlinale-Publikum die Ballroom-Szene in New York nahe brachte, gibt uns Kiki Einblicke in die Welt der heutigen jungen black LGBT-Community, wirft einen Blick auf die Bälle, bei denen die Teilnehmenden in VoguingWettbewerben um Trophäen kämpfen, und lässt deren Protagonisten über ihre Wünsche und ihren Alltag berichten. Anders als zur Zeit von Paris is Burning entstehen diese Bälle nicht aus der Subkultur, sondern werden von queeren Jugendhilfeprogrammen organisiert. Es fällt auf, wie aufgeklärt die Jugendlichen heutzutage genderpolitische Fragen diskutieren und wie selbstverständlich sie mit Begriffen wie Heteronormativität und Geschlechterdekonstruktion umgehen. Mögen sich die Stadt, die Strukturen und das genderpolitische Bewusstsein seit den Achtzigern verändert haben, geblieben ist die Sehnsucht nach Akzeptanz und einem sicheren Ort, an dem jeder seine Einzigartigkeit zelebrieren kann. Auch wenn das Coming-Out für einige der Protagonisten heute leichter zu sein scheint und die Homo-Ehe in den USA durchgesetzt ist, bringt Co-Autor Twiggy Pucci Garçon es auf den Punkt: „There is so much left to fight for.“

Begründung der Jury
KIKI zelebriert die anhaltende Stärke der New Yorker Ballroom Kultur, indem es den einflussreichen queeren Klassiker PARIS IS BURNING neu aufleben lässt. Uns wird ein intimer Zutritt gestattet in die Leben junger Vogue-Tänzer, die, wie ihre Vorgänger, selbstgewählte Familien innerhalb eines Netzwerks von Häusern erschaffen. Aber anders als ihre Vorgänger, überleben sie nicht einfach nur – sie blühen auf. Durch ihre intensiven Auftritte demonstrieren diese jungen people of colour, dass gender ein breitgefächertes Spektrum ist und dass es im Leben wichtig ist, sich neu zu erfinden.



Best Short Film
MOMS ON FIRE

Moms On Fire

Eine ganz normale Gegend in einer ganz normalen Stadt. Zwei Frauen sitzen auf dem Sofa und kratzen ihre schwangeren Bäuche. Es sind noch vier Tage bis zur Geburt. Die Situation ist weder schönzureden noch auszuhalten. Sie ist einfach unerträglich. Masturbieren geht nicht, weil man nicht an die Klitoris kommt, der Boyfriend ist abwesend und sowieso boring. Der einzige Vorteil eines weiteren Kindes besteht darin, nicht mehr mit dem ersten Kind spielen zu müssen. Die Künstlerin und Filmemacherin Joanna Rytel zeigt eine Knet-Animation, in der in aller Direktheit Fragen gestellt und Situationen geschildert werden, über die oft geschwiegen wird.

Begründung der Jury
Weise Worte von hässlichen Babies. Heterosexuelle Frauen, die einander berühren. Schwangere Frauen, die masturbieren. Mit augenzwinkerndem Humor und einem herausstechenden Knetanimationsstil, überwirft MOMS ON FIRE Mutterschaftsmythen und die konventionelle Repräsentation des weiblichen Körpers. Regisseurin Joanna Rytels groteske, feministische Vision zeigt uns unsere Vorstellung der Regenbogenfamilie durch eine queere Brille.



Special Jury Award
NUNCA VAS A ESTAR SOLO
(YOU WILL NEVER BE ALONE)

Nunca vas a estar solo

Der in sich gekehrte Juan, Manager in einer Schaufensterpuppenfabrik, lebt allein mit seinem 18-jährigen schwulen Sohn Pablo. Während Pablo unbeschwert Tanz studiert, hofft Juan auf eine Chance, nach 25 Jahren Geschäftspartner seines Chefs zu werden. Als Pablo nach einem brutalen, homophob motivierten Angriff schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert wird, wird seinem Vater bewusst, wie weit sie sich innerlich voneinander entfernt haben. Fehlende Tatzeugen und hohe Arztrechnungen zwingen Juan, die stillen Konstanten seiner Existenz endgültig zu verlassen, um sich in einer diskriminierenden Realität zu positionieren. Immer wieder laufen seine Bemühungen ins Leere, bis er in den nächtlichen Straßen Santiagos seinen eigenen Gesetzen folgt, um seinen Sohn zu retten. Im März 2012 schockierte die Ermordung des offen schwul lebenden Chilenen Daniel Zamudio durch Neo-Nazis ganz Lateinamerika. Der Fall inspirierte Alex Anwandter zu seinem beeindruckend vielschichtigen Debüt: Mit großem Feingefühl spürt er in der Zurückgezogenheit des Vaters dem gewaltsamen Druck eingeschworener Männlichkeitsnormen nach – und löst sie im bunten queeren Lebenstraum Pablos auf.

Begründung der Jury
Eine phänomenale Leistung eines Erstlingsregisseurs und Screenwriters, der den Gedanken, dass “Nicht der Homosexuelle pervers ist, sondern die Gesellschaft, in der er lebt” erforscht. YOU WILL NEVER BE ALONE zeigt auf empfindsame Weise gender fluidity aus verschiedenen Perspektiven. Statt Hass-Verbrechen als Normalität darzustellen, fordert der Film sein Publikum auf, seine Beziehung zu solch schrecklichen Taten zu überdenken. Der chilenische Filmemacher Alex Anwandter ist eine spannende neue Stimme des Kinos, von der wir hoffentlich in Zukunft noch viel hören werden.



Special Teddy Award
CHRISTINE VACHON

cv headshot(1)Christine Vachon ist ein unabhängiger Geist, Gotham Award Gewinnerung und Filmproduzentin. Zusammen mit ihrer Partnerin gründete Christine Vachon die Produktionsfirma “Killer Film”. Innerhalb der letzten zwei Jahrzente produzierten die beiden einige der wichtigsten und meist gefeierten Indie-Spielfilme, wie “Far from Heaven” (nominiert für vier Oscars), “Still Alice” (Oscar-Gewinner), “Boys Don´t Cry” (Oscar-Gewinner), “One Hour Photo”, “Kids”, “Hedwig And The Angry Inch”, “Happiness”, Velvet Goldmine”, “Safe”, “I Shot Andy Warhol”, “Camp”, “Swoon” und “I´m Not There” (Oscar-nominiert). Vachon produzierte jüngst die Emmy und Golden Globe-prämierte Fernseh-Miniserie “Mildred Pierce” für HBO und eine bald erscheinende Serie über das Leben von Zelda Fitzgerald. Andere Arbeiten umfassen kürzlich erschienene Filme wie “Kill Your Darlings”, “Magic Magic”, “Carol” unter der Regie von Todd Haynes und “Wiener Dog” bei dem Todd Solondz das Drehbuch schrieb und Regie führte.



Preis der Männer Leser Jury
MÃE SÓ HÁ UMA
(DON’T CALL ME SON)

Mãe só há uma

Pierre ist 17 und steckt mitten in der Pubertät: Er spielt in einer Band, hat Sex auf Partys und heimlich probiert er vor dem Spiegel Frauenkleider und Lippenstift. Seine Mutter Aracy hat ihn und seine jüngere Schwester Jacqueline seit dem Tod ihres Mannes umsorgt und verwöhnt. Als er erfährt, dass sie ihn als Neugeborenes aus einem Krankenhaus gestohlen hat, ändert sich Pierres Leben schlagartig. Von einem Tag auf den anderen bricht seine Welt zusammen, und seine Mutter Aracy wird verhaftet. Seine leiblichen Eltern Gloria und Matheus haben 17 Jahre lang nach ihm gesucht und wollen nun die verlorenen Jahre mit dem ältesten Sohn, den sie Felipe nennen, so schnell wie möglich nachholen. Kritisch beäugt von seinem jüngeren Bruder Joca zieht Pierre/Felipe bei seiner wohlhabenden, neuen Familie ein, die ihn nach ihren Idealen formen will. Aber Pierre hat seinen eigenen Lebensentwurf. Regisseurin Anna Muylaert gewann 2015 den Panorama Publikumspreis mit Que horas ela volta? (Der Sommer mit Mama). In diesem Film untersucht sie die Beziehung zwischen Mutter und Kind aus der Perspektive des rebellischen Sohnes, dessen Welt über Nacht aus den Fugen gerät.

Begründung der Jury
Regisseurin, Drehbuchautorin und Produzentin Anna Muylaerts erzählt in „Mãe só há uma/Don’t call me son“ eine kluge, lustige und wunderbar queere Geschichte über Identitäten und Familien. Die, die wir uns aussuchen und die, die sich uns aussuchen. Dem Film gelingt es, spannende Fragen über Geschlecht und Sexualität aufzuwerfen und dabei immer zugänglich und hoch unterhaltsam zu bleiben. Der wunderschöne Naomi Nero und die wunderbare Daniele Nefussi in den Hauptrollen  haben uns gleichzeitig zum Lachen, Weinen und Nachdenken gebracht. Wir glauben, dass ein weltweites Publikum auf genau diesen Film gewartet hat und ihn so sehr lieben wird, wie wir das jetzt schon tun. Der Preis ist mit 1000 Euro dotiert, die Anna Muylaerts hoffentlich so anlegt, dass wir uns bald über einen weiteren Film von ihr so freuen können wie über „Mãe só há uma“. Herzlichen Glückwunsch!



Publikumspreis
THÉO ET HUGO DANS LE MÊME BATEAU
(PARIS 05:59)

In einem Sex-Club treffen die Körper von Théo und Hugo aufeinander. Sie tauschen sich aus, verschwimmen in der Unschärfe eines hemmungslosen Verlangens, nehmen im Wechsel ihrer Blicke Gestalt an, um sich erneut zu erkunden und zu verlieren. Wenige Momente später zieht es die beiden jungen Männer nach draußen. Gemeinsam lassen sie sich durch die leergefegten Straßen im nächtlichen Paris treiben. Unvermittelt werden sie hier mit einer Realität konfrontiert, die ihre Freiheit und Ziellosigkeit aushebelt und jedem weiteren Schritt eine Ratlosigkeit von existenziellem Ausmaß verleiht: Möchten sie mehr voneinander erfahren? Wird Vertrauen belohnt werden? Was erwartet sie? Mit meisterhaftem Feingefühl lassen Olivier Ducastel und Jacques Martineau uns daran teilhaben, wie zwei Männer in einer tiefen gegenseitigen Verunsicherung stranden und dennoch nach Nähe suchen. Ihre beiden Hauptdarsteller verzaubern mit großem Einfühlungsvermögen und umwerfendem Charme.