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Weg mit dem Monokel! -Gegen die monosexuelle Interpretation queerer Filme

Von Hannah Congdon

Das letzte Jahrzehnt, und insbesondere die letzten Jahre, haben den beispiellosen Ausbruch queerer Filme in den kommerziellen Mainstream erlebt. Werke wie Brokeback Mountain, Blue is the Warmest Colour, Moonlight und Carol sind heute bekannte Namen. Und es ist fast schon selbstverständlich, dass jedes Jahr mehrere Anwärter auf den TEDDY AWARD von großen Filmverleihern erworben werden, wie der Erfolg von Call Me By Your Name, God’s Own Country und A Fantastic Woman zeigt. Was auch immer ihr über die jeweiligen Vor- und Nachteile dieser Filme denken mögt, der wachsende Appetit auf LGBTQ+-Filme bei Verleihern und Publikum ist unbestreitbar ein Schritt in die richtige Richtung.

Aber es zeichnet sich ein weiteres Muster ab, das das Potenzial dieser Kinoerfolge einschränkt (abgesehen davon, dass die Mehrheit dieser Filme ausschließlich weiß besetzt sind und Transmenschen mehr als dürftig repräsentiert werden – Themen, die eigene Diskussionen erfordern): Die kommerzielle Vorlage für eine Reihe der Filme ist es, sie als monosexuelle, homosexuelle Liebesgeschichten zu vermarkten. Infolgedessen gibt es eine scheinbare Unsichtbarkeit von bi-, pan- und polysexuellen Liebesgeschichten, die die binäre Einteilung in hetero-/homosexuell stören könnten. Wo das New Queer Cinema der 90er Jahre Queering-Methoden und Narrative einsetzte, die Vorstellungen von Gendereinteilung und sexueller Klassifizierung aufsprengten und sowohl LGBT-Identitäten wie auch die Räume zwischen diesen Buchstaben erkundeten, scheint es der aktuelle Trend zu sein, romantische queere Narrative als monosexuelle Liebesgeschichten zu lesen. In einigen Fällen trifft diese Lesart zu, aber in vielen Fällen vereinfacht sie das Spektrum der dargestellten Beziehungen und Sexualitäten zu sehr. Wenn der queere Film es jetzt in den Mainstream schafft, ist es an der Zeit, dass Kritiker und Publikum lernen, ihre Monokel wegzuwerfen und diese Filme mit der Pluralität zu sehen, aus der sie gemacht sind.

Filmkritiker spielen eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung populärer Vorstellungen und Lesarten von öffentlich zugänglichen Filmen. Während Label innerhalb der LGBTQ+-Bewegung eine wichtige und ermächtigende Rolle spielen, ist es frustrierend, dass so viele Kritiker hartnäckig darauf bestehen, Filme nur als „schwul“ und „lesbisch“ zu benennen, ohne den Rest des Spektrums in queeren Erzählungen zu untersuchen. Bleiben wir vorerst bei unseren einschlägigen Beispielen: In Brokeback Mountain, Blue Is the Warmest Colour, Carol und Call Me By Your Name haben die Hauptfiguren nicht nur gleichgeschlechtliche romantische und sexuelle Beziehungen, sondern auch heterosexuelle Beziehungen. In jedem Fall sind die heterosexuellen Beziehungen aus verschiedenen Gründen unbefriedigend geworden und haben im Vergleich zu ihren neu gefundenen Liebesinteressen an Bedeutung verloren. Dennoch werden diese Beziehungen oft als echt, liebevoll und sexuell dargestellt, sind zentrale Aspekte der emotionalen Entwicklung der Charaktere, und es wird selten deutlich gemacht, dass sie zusammengebrochen sind, nur weil der vorherige Partner der Charaktere die „falsche“ Genderidentität hatte. Kritiker und Publikum gleichermaßen erkennen oft nicht die Möglichkeit, dass Individuen von Menschen und nicht von Geschlechtern angezogen werden können, und in einer Reihe von Rezensionen für diese Filme werden die heterosexuellen Beziehungen höchstens am Rande erwähnt.

Call Me By Your Name ist vielleicht das beste Beispiel dafür. Als „wunderschöne schwule Liebesgeschichte“ gefeiert, enthüllen der Film und sein Ausgangsmaterial eine weitaus komplexere Geschichte des sexuellen Erwachens, als sie normalerweise erzählt wird. Die unterschiedlichen Beziehungen, die Elio zu Marzia und Oliver hat, haben wohl mehr damit zu tun, dass letzterer weitaus reifer ist als erstere, als dass sie sich auf ihre Geschlechter beziehen. Der Originaltext ist noch deutlicher im Hinblick auf Elios sexuelle Fluidität:

“How strange, I thought, how each shadowed and screened the other, without precluding the other. Barely half an hour ago I was asking Oliver to fuck me and now here I was about to make love to Marzia, and yet neither had anything to do with the other except through Elio, who happened to be one and the same person.”

© Sony Pictures Classics/Berlinale
© Sony Pictures Classics/Berlinale

Dass nur so wenige Kommentatoren auf die Bedeutung von Elios verschiedenen sexuellen Beziehungen hingewiesen haben, ist eine leidige Erinnerung an die anhaltende Vernachlässigung von Bi- und Pan-Sexualität innerhalb der Filmkritik wie auch innerhalb der Gesellschaft. Es sollte im aktuellen Kontext der Geschlechterpolitik unnötig sein, sich so sehr auf Kategorien und Labels der Sexualität zu konzentrieren, aber die Tatsache, dass die offen bisexuelle Regisseurin Desiree Arkhavan (The Miseducation of Cameron Post) den etwas ungeschminkten Titel The Bisexual für ihre jüngste Channel-4-Serie gewählt hat, zeigt, wie oft der Schwellenraum zwischen homo- und heterosexuell übersehen wird, und stellt ebenso die anhaltende Zurückhaltung in der Filmindustrie und anderswo aus, die Begriffe bi- und pan-sexuell zu verwenden.

Interessant ist auch, dass die Kritik an offensichtlich bisexuelle Filme und Serien darin besteht, dass ihnen eine saubere Struktur fehle. The Bisexual wurde als „inkonsistent“ diffamiert, während Arkhavans Film Appropriate Behaviour von 2015, in dem es um eine amerikanisch-iranische bisexuelle Frau geht, die eine Trennung durchmacht, als „zeitlich desorientiert“ und voller „Gerümpel“ bezeichnet wurde. Tom Shkolniks The Comedian aus Israel erzählt mit drastisch langen Improvisationen die Geschichte eines Stand-Up-Comedians, der zwischen einer romantischen, aber weitgehend asexuellen Beziehung zu seiner Mitbewohnerin und seiner Affäre mit einem offen schwulen Maler hin- und hergerissen ist. Obwohl der Film seit seiner Veröffentlichung im Jahr 2012 immer mehr positive Resonanz findet, urteilten die frühen Kritiker, dass es ihm an „Gestaltung“ und „Form“ mangele und bezeichneten ihn als „unverbindlich“. Christophe Honores französischsprachiges Musical Les Chansons D’Amour, das über den Gesang die vierseitigen Liebesaffären zwischen seinen sexuell fluiden Hauptfiguren erzählte, wurde hingegen wegen seiner „Zufälligkeit“ und mangelnder „Kohärenz“ gemieden.

Was den Kritikern zu entgehen scheint, ist, dass alle drei Filmemacher Erzähltechniken verwenden, die der Standardstruktur widerstehen, die typischerweise für monosexuelle Liebesfilme verwendet wird, gerade weil diese strukturelle Unordnung viel besser geeignet ist, die Nichtlinearität von polysexuellen Beziehungen einzufangen. Maria Pramaggiore fasst dieses Phänomen in ihrem Essay „Representing Bisexualities“ prägnant zusammen. Sie verweist auf die „obligatorische Monosexualität“ vieler Hollywood-Filme und argumentiert, dass „konventionelle romantische Narrative mit Paaren, ob es sich nun um schwule, lesbische oder heterosexuelle Szenarien handelt, es schwierig machen, Bisexualität anders als eine Entwicklungsphase vor der „reifen“ monogamen Monosexualität zu erkennen oder sich vorzustellen“. Darauf weist weiter darauf hin, dass

“chronological narrative structures that assign more weight and import to the conclusion…may be less compatible with bisexual reading strategies, which focus on the episodic quality of a nonteleological temporal continuum across which a number of sexual acts, desire and identities might be expressed”.

Anstatt die verworrene Erzählweise der oben genannten Filme zu kritisieren, sollten wir die Filmemacher dafür loben, dass sie geeignete Methoden gefunden haben, um das zu vermitteln, was von Natur aus verworrene Narrative sind.

Dem Thema Nichtlinearität entsprechend möchte ich abschließend auf ein Werk zurückkommen, das zusehends als Klassiker der New Queer Wave am Ende des 20. Jahrhunderts anerkannt wird. In Todd Haynes‘ 1998er Glam-Rock-Musikdrama Velvet Goldmine ist die halluzinatorische Struktur des Films so weitläufig und fließend wie die Sexualität seiner Charaktere. Obwohl es bei seiner Veröffentlichung ein kleiner Flop war, erlebte es in den letzten Jahren eine kritische Renaissance. Ich bin kürzlich auf eine Rezension des Films gestoßen, die ein seltenes und erfrischendes Beispiel dafür liefert, wie sich ein Kritiker mit den ein Binärsystem aufbrechenden Methodiken des Films und der queeren Filmtheorie selbst beschäftigt:

Velvet Goldmine is often called a gay film, but that obscures the universal resonance of its queer coming-of-age narrative. Better to think of it as a bisexual film that uses non-binary sexuality as a metaphor for the boundless possibilities of youth”.

Judy Bermans Einschätzung erfasst die wirbelnde Komplexität der transgressiven Erzählweise und Techniken des Films und steht in exemplarischem Kontrast zu den entschlossen monosexuellen Lesarten zeitgenössischer queerer Filme. Viele der in diesem Artikel aufgeführten Filme enthalten tatsächlich lesbische und schwule Beziehungen, und es ist wichtig, diese Begriffe zu verwenden, um sie zu bezeichnen. Aber, wie die Filmtheoretikerin Maria San Filippo es treffend ausdrückt, „sind menschliche Sexualität und Begehren nicht reduzierbar auf und immer schon über binäre Denkweisen hinaus“. Diese Filme sind lesbisch, schwul und mehr. Sie in leicht vermarktbare Schachteln der Sexualität zu zerlegen, bedeutet, die Arbeit zu verringern, die sie bei der Erforschung von Grenzräumen zwischen binären Werten leisten. Und solange wir uns von der Einstellung leiten lassen, dass jemand entweder das oder jenes ist, gibt es auch wenig Hoffnung auf größere Fortschritte bei der Repräsentation von trans- und nicht-binären Menschen. Zweifellos werden die TEDDY-Filme dieses Jahres weiterhin solche Barrieren abbauen und die Notwendigkeit von Vielfalt und Intersektionalität innerhalb des queeren Films angehen. Als Publikum sollten wir der Komplexität ihrer Geschichten gerecht werden, indem wir Haynes‘ frechen Zwischentitel in Velvet Goldmine berücksichtigen:

“Meaning is not in things but in between them.”
― Norman O. Brown

Niemand steht allein – Gefährdete queere Filmfestivals

Von Zsombor Bobák

2018 war ein Jahr voller politischer Turbulenzen auf globaler Ebene. An den Grenzen zwischen Ländern wurden Mauern errichtet, der Rechtspopulismus hat den öffentlichen Diskurs stark belastet, Menschen mit anderer Hautfarbe, ethnischem Hintergrund oder Religion als die Mehrheit wurden dämonisiert, Frauen wurde durch Mansplaining wiederholt erklärt, wo ihr Platz in der Gesellschaft sein solle, und die queere Gemeinschaft musste weltweit mit Aggression und Gewalt kämpfen. Und während viele positive Veränderungen stattgefunden haben (man denke an den Aufstieg der Time’s Up-Bewegung oder die fortschreitende Anerkennung der LGBTQI*-Rechte in immer mehr Gesellschaften), erweist es sich manchmal als schwierig, hoffnungsvoll zu bleiben, wenn aktuelle Trends einer hasserfüllten und entzweienden Politik weltweit immer mehr Unterstützung finden. Wenn ich mir das Programm der 69. Berlinale und damit den 33. TEDDY ansehe, dann haben wir meiner Meinung nach einen Grund, auf der positiven Seite zu bleiben.

  Für mich stellten Kino und Filme immer eine Hoffnung dar. Als Teenager, der sich mit seiner Sexualität in einem sehr homophoben Land auseinandersetzte, fand ich Zuflucht in den Kinos von Budapest. Als ich mich in die Filme von François Ozon, Pedro Almodóvar, Gregg Araki, Lee Daniels, Bruce LaBruce, Maryam Keshavarz und Dee Rees oder die Klassiker von Chantal Akerman, Rainer Werner Fassbinder, Derek Jarman und Pier Paolo Pasolini vertiefte, fühlte ich, dass es in Ordnung ist, was ich fühle, und dass ich meinen Platz eines Tages in dieser Welt finden würde. Später, als das queere Kino zum Gegenstand meiner akademischen Untersuchungen wurde, lernte ich die Kraft, die in diesen bewegten Bildern liegt, und ihr Potenzial, tatsächliche Veränderungen herbeizuführen, wirklich zu verstehen.

Speziell queere Filmfestivals, diese oft utopischen Ereignisse, haben eine große Macht. Sie verfügen über die Mittel, um Einzelpersonen und Gemeinschaften, die mit der LGBTQI*-Familie verbunden sind, zu repräsentieren, zu umarmen, zu feiern und sichtbar zu machen und ihnen eine Stimme zu geben. Sie haben die Macht, den Dialog mit der breiteren, hegemonialen Gesellschaft zu fördern und durch ihr oft internationales Profil Brücken zwischen verschiedenen Gemeinschaften zu bauen. Durch ihre bloße Existenz erschweren sie dominante Diskurse innerhalb der Gesellschaft und tauchen als Räume auf, die Widerstand und eine (Neu-)Aushandlung von Macht im Allgemeinen ermöglichen. Im Laufe der Jahre wurden queere Filmfestivals zu Schauplätzen kultureller Debatten, nicht nur über die Rechte und Erfahrungen von LGBTQI*-Personen, sondern, mit weiterem Fokus, über allgemeine Menschenrechte, nationalistische Politik sowie globale und kulturelle Integrität. Sie prägen in hohem Maße die filmische Landschaft und mobilisieren das Publikum in immer größerer Zahl. Es kann mit Sicherheit behauptet werden, dass Queer-Filmfestivals mittlerweile Bastionen sozialer Macht und Hoffnung sind.

  Heute existiert ein globales Netzwerk queerer Filmfestivals, das eine lange und reichhaltige Geschichte hat. Verwurzelt in den sozialen Bewegungen, die sich auf Identitäts- und Repräsentationspolitik konzentrieren und stets nahe bei ihrer Basis bleiben, sind queere Filmfestivals historisch gesehen Akte eines gemeinschaftlichen Aktivismus und des sozialen Widerstands angesichts einer repressiven und intoleranten Hegemonie. Diese Festivals tragen bis heute dieses sozial engagierte Erbe und zielen darauf ab, die queere Agenda weiter voranzutreiben. Während viele queere Filmfestivals dieselben Ziele verfolgen, sind sie auch von ihrem jeweiligen Kontext abhängig. Obwohl sie die Tendenz haben, über eine unsichere oder düstere  Zukunft zu klagen, stehen queere Filmfestivals immer sehr im Austausch mit dem Hier und Jetzt. Diese Dringlichkeit treibt die queeren Filmfestivals dazu, sich miteinander zu verbinden. Anstatt sich auf einzelne Themen und Bereiche der (ge)queer(t)en Existenz zu konzentrieren, scheint in den letzten Jahren ein intersektionaler Ansatz für Organisation und Ausdruck die queere Filmfestivallandschaft zu dominieren, der die Verteilung von Wissen, Erfahrung und Expertise zwischen den verschiedenen Gemeinschaften ermöglicht und einen Raum schafft, um Ungleichheiten und Ungleichgewichte zu erkennen und gleichzeitig geschlossen zu handeln. Die Intersektionalität, die viele der queeren Filmfestivals kennzeichnet, ist bemerkenswert für ihre Fähigkeit, die LGBTQI*-Politik durch die Solidarität zwischen verschiedenen Identitäten zu beleuchten.

Dies ist von entscheidender Bedeutung für queere Filmfestivals, die mit ständiger Unterdrückung und sowohl legaler als auch physischer Gewalt konfrontiert sind. Ihre Existenz ist ebenso gefährdet wie die Hoffnung all derer Gemeinschaften, für die sie stehen. In den letzten Jahren erlebten wir viele gewalttätige Angriffe auf queere Filmfestivals auf der ganzen Welt: Das Side by Side Festival in St. Petersburg wird immer wieder von russischen Behörden und Anti-LGBTQI*-Gruppen bedroht; 2010 wurde das  Q! Festival in Jakarta von schwulenfeindlichen Demonstranten angegriffen; 2014 wurde während des Screenings eines schwulen Festivals ein Brandbombenanschlag auf Kiews ältestes Kino verübt; das Merlinka International Queer Festival 2008 musste wegen einer großen Anzahl von Drohungen von homophoben Demonstranten abgesagt werden; und die Eröffnung des Queer Sarajevo Film Festivals im selben Jahr fand ein blutiges Ende. In Covered, John Greysons ergreifendem Film über den Vorfall, äußert sich ein Befragter verzweifelt: „Festivals werden zu Massakern!“ Und tatsächlich sehen sich zu viele queere Filmfestivals mit ähnlich ernsten Problemen konfrontiert. Daher ist es wichtig, dass dieses globale Netzwerk von queeren Filmfestivals, das in den letzten Jahrzehnten entstanden ist, Aufmerksamkeit generiert. Veranstaltungen wie der Queer Academy Summit 2019 sind großartige Möglichkeiten, bereits bestehende Beziehungen zu stärken, neue aufzubauen und durch Austausch zusammenzuarbeiten. Strategien zum Schutz der wichtigen kulturellen Arbeit queerer Filmfestivals können geteilt, neu bewertet und neu konfiguriert werden. Sicherlich können ein starkes Netzwerk und die Hingabe zur Zusammenarbeit die Existenz eines Festivals sichern.

  Die geografisch und kulturell ungleiche Verteilung der Festivals stellt ein weiteres Problem der Inklusivität, Sichtbarkeit und Vielfalt dar. Das Modell der Vernetzung und Zusammenarbeit könnte vielleicht einige Lösungen für dieses Problem bieten, und dabei kann der Queer Academy Summit 2019 eine große Rolle spielen. Unter Einbeziehung des Publikums bietet der Summit eine hervorragende Gelegenheit, um sicherzustellen, dass niemand alleine steht. Jeder Beitrag zählt und alle eingeleiteten Schritte gestalten eine bessere und integrativere Zukunft für LGBTQI*-Gemeinschaften weltweit. Schließlich ist die größte Macht, die queere Filmfestivals tragen, dass sie die Welt nicht einfach durch ihre spezifisch queeren Linsen reflektieren, sondern dass sie die Welt durch ihren queeren Aktivismus energisch und effektiv gestalten.

In unserem Schlaglicht präsentierten wir drei gefährdete queere Filmfestivals aus aller Welt, die sich durch eine Leidenschaft und Hingabe auszeichnen, die gefeiert werden muss:

Out Film Festival Nairobi (Kenya)

Dieses Festival wird seit 2011 mit Unterstützung von lokalen queeren Organisationen und dem Goethe-Institut Nairobi organisiert. Das Out Film Festival leistet einen bemerkenswerten Beitrag dazu, Kenias queere Gemeinschaft für die hegemoniale Gesellschaft sichtbar zu machen. Das Festival ist nicht nur ein Fest des queeren Kinos, sondern auch ein wichtiges Instrument im Kampf um die rechtliche Anerkennung, den Schutz und die allgemeine Akzeptanz der LGBTQI*-Gemeinschaft im Land.

In Kenia ist gleichgeschlechtliche sexuelle Aktivität (die als „gegen die Ordnung der Natur“ bezeichnet wird) illegal und kann nach § 162 Strafgesetzbuch zu Freiheitsstrafen von bis zu 14 Jahren führen, während der Geschlechtsverkehr zwischen Männern (bezeichnet als „grob unsittliches Verhalten“) zu weiteren 5 Jahren Freiheitsstrafe nach § 165 führen kann. Homosexualität wird von der Mehrheit der Gesellschaft als Tabu betrachtet und scharf verurteilt. Die LGBTQI*-Community ist häufig mit Aggression und Gewalt konfrontiert.

Gleichzeitig hat Kenia einen starken Output an queeren Filmproduktionen, der sicherlich dazu beiträgt, dass von der Hegemonie unterdrückte LGBTQI*-Stimmen zum Vorschein kommen. Stories of Our Lives, ein Film des in Nairobi ansässigen Kunstkollektivs The Nest Collective ist ein Episodenfilm über in Kenia lebende LGBTQI*-Personen. Das Kenya Film Classification Board verbot den Film in Kenia mit der Begründung, dass er „Homosexualität fördert, die im Widerspruch zu nationalen Normen und Werten steht“. International stieß der Film auf sehr positive Resonanz, gewann 2015 den Jurypreis des TEDDY und wird seither weithin gefeiert. 2018 wurde der Spielfilm Rafiki, eine zärtliche Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen, ebenfalls von derselben Behörde verboten: „Die Behörde stellt mit großer Sorge fest, dass Rafiki [….] homosexuelle Szenen enthält, die dem Gesetz, der Kultur und den moralischen Werten des kenianischen Volkes widersprechen“. Später wurde dieses Verbot aufgrund der positiven Resonanz des Films im Ausland aufgehoben, um ihn für die 91. Oscarverleihung zu qualifizieren. Der Film wurde sieben Tage in Folge in Kenia gezeigt, wobei viele Vorstellungen vollständig ausverkauft waren. Letztendlich wurde Rafiki nicht als Kandidat Kenias für den Auslandsoscar ausgewählt.

Wie auch diese Beispiele zeigen, ist das queere Kino in Kenia lebendig, aber es kämpft massiv darum, den Weg zum lokalen Publikum zu finden, und das Out Film Festival Nairobi spielt eine entscheidende Rolle dabei, dies zu ändern. Das Festival wird seit sieben Jahren mit Erfolg organisiert und hat viele queere Filme aus Kenia und dem Ausland gezeigt. Die Vorführungen werden von Podiumsdiskussionen und Vorträgen begleitet, und das Programm umfasst oft auch kostenlose HIV-Tests und -Beratung. Das Festival ist ein wichtiger Akteur bei der Bewusstseinsbildung und der Förderung des sozialen Wandels auf dem afrikanischen Kontinent. Das Out Film Festival Nairobi ist ein wahres Fest der Liebe und Vielfalt.

Weitere Informationen: https://nairobinow.wordpress.com/2018/11/01/out-film-festival-nairobi-2018-we-do-not-have-the-luxury-of-shame-nov-7-10-2018-goethe-institut-auditorium/

Aks International Minorities Festival (Pakistan)

In Pakistan können gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen aufgrund aus der Kolonialzeit stammender Gesetze mit Freiheitsstrafe bestraft werden. Dies wird allerdings  selten durchgesetzt. Das soziale Stigma für die Kultur und die Ausdrucksformen der LGBTQI*-Gemeinschaft ist stark und geht hauptsächlich auf religiöse Anliegen zurück. In einer solchen gesellschaftlichen Umgebung ist der große Erfolg und der Bildungswert des Aks International Minorities Festival erstaunlich. Das Festival zeichnet sich auch durch seine guten Beziehungen zu anderen internationalen queeren Filmfestivals in der ganzen Welt aus.

Das Wort Aks bedeutet Spiegel in der Urdu-Sprache, und wie die Organisatoren behaupten, ist es ihr Ziel, „…den transsexuellen und queeren Minderheiten einen metaphorischen Spiegel vorzuhalten, um ihre Sichtbarkeit zu verbessern „. Das 2014 in Pakistan gegründete Festival hat enge Verbindungen zu anderen Organisationen geknüpft, und mittlerweile wird auch ein jährliches Festival in Kopenhagen von den Veranstaltern organisiert.  Sie sind mit ihrem Programm bereits nach Wien gereist und präsentierten darüber hinaus auch die Ausstellung „Thirdness – Gender and Sexuality in Pakistan” im Schwulen* Museum in Berlin, eine gemeinsame Zusammenarbeit von Aks, dem Museum und dem Transformation – trans* Filmfestival. Ihre gemeinschaftlichen Anstrengungen und die Zugehörigkeit zu einem internationalen Netzwerk von queeren Filmfestivals sind der Schlüssel zu ihrem Erfolg.

Das Festival hat einen besonderen Fokus auf die indigene (Trans*-)Gemeinschaft der Khwaja Sira und ist entschlossen, die Repräsentation von queeren und transsexuellen* People of Colour zu verbessern. Neben den Vorführungen besteht das Festival auch aus Diskussionen und Debatten, Bildungsworkshops und Kunstausstellungen, die versuchen, an der Basis zu bleiben und den Beitrag von Mitgliedern der lokalen Gemeinschaft und anderen gemeinnützigen Organisationen fördern. Wichtig ist, dass das Festival zum Zweck der Dezentralisierung in mehreren Städten Pakistans organisiert wird, wodurch eine breitere nationale Reichweite ermöglicht werden kann.

Das Festival ist ein gutes Beispiel dafür, wie Vernetzung und Zusammenarbeit zu fruchtbaren transnationalen Ergebnissen führen können, und zeigt auch, dass sich queere Filmfestivals einem intersektionalen Ansatz verschrieben haben.

Webseite: http://www.aksfestival.com/

Beijing Queer Film Festival (China)

Dieses Festival hat es trotz einer sehr unruhigen Vergangenheit geschafft, am Leben zu bleiben und ein inklusiveres filmisches Umfeld in China seit mehr als einem Jahrzehnt zu fördern. Das Beijing Queer Film Festival ist das einzige queere Filmfestival auf dem chinesischen Festland und wird ständig von chinesischen Behörden schikaniert.

Das erste Festival wurde 2001 von Studenten unter dem Namen China Homosexual Film Festival organisiert. Aufgrund der sozialen und politischen Bedingungen in China war es unmöglich, das Filmfestival durchgängig zu organisieren, und anfangs fand es sporadisch unter verschiedenen Namen statt. Der aktuelle Name Beijing Queer Film Festival wurde 2009 eingeführt.

Am Anfang lief das Festival nur mit vom chinesischen Festland stammenden Filmen, heute aber ist es ein großes Forum für chinesischsprachige Filme (einschließlich Produktionen aus Taiwan und Hongkong) und internationale Titel. Laut seiner offiziellen Website investierte das Festival viel Energie in das Networking und knüpfte erfolgreich enge Verbindungen zu vielen ausländischen queeren Filmfestivals.

Dies muss ein wichtiges Überlebensmittel für das Festival gewesen sein, das vor vielen Herausforderungen stand und oft gezwungen war, sich einige Guerilla-Methoden auszudenken, um stattfinden zu können. Nach wiederholter Schließung durch chinesische Behörden entschieden sich die Organisatoren 2014 gegen Social-Media-Kampagnen und die Nutzung eines öffentlichen Kinos in China, stattdessen schickten sie kurz vor Beginn des Festivals eine E-Mail an mögliche Teilnehmer, zum Hauptbahnhof Peking zu gehen, ein Ticket für einen bestimmten Zug zu kaufen und sich in einem bestimmten Wagen einzufinden. Sie baten die Besucher, ihre Laptops mitzubringen. Am Ende wurden die Filme auf USB-Sticks bereitgestellt und das Publikum sah die Filme auf ihrem Laptop in den völlig beengten Wagons. Der Einsatz von gemeinsamen Laptops und USB-Sticks in ungewöhnlichen Räumen spiegelt nicht nur die Vielseitigkeit des Kinos und die Kreativität der Organisatoren wider, sondern auch das besondere Engagement und die Leidenschaft des Festivals. Die rhapsodische Vergangenheit des Festivals schien den Antrieb der Organisatoren zu verstärken, dafür zu sorgen, dass das Festival wieder stattfindet.

Das Beijing Queer Film Festival ist somit ein passendes Beispiel dafür, was das Herzstück eines jeden queeren Filmfestivals sein sollte: Liebe, Hingabe, Leidenschaft und Engagement.

Webseite: https://www.bjqff.com/