All Documentary Films at 36th TEDDY AWARD

Dok- Essay Film 2022

Alis

Directors: Clare Weiskopf, Nicolás van Hemelryck
Colombia, Romania, Chile, 2022, 84′

Film still Alis, © Casatarantula, deFilm, Pantalla Cines

„Freiheit bedeutet, in einer Welt ihrer Wahl leben zu können. Einer ohne Kämpfe, ohne all das, was sie durchmachen musste. Einer Welt
ohne Diskriminierung. Freiheit ist das Schönste. Ein Ort, an dem sie der glücklichste Mensch der Welt sein kann.“
In einem kolumbianischen Heim nehmen zehn junge Frauen nacheinander auf einem Stuhl Platz und schließen die Augen. Sie sollen
sich Alis vorstellen, eine fiktive Freundin, deren Geschichte sie in einem kreativen Dialog mit den Filmmacher*innen lebendig werden lassen. Alis hat, wie die Jugendlichen selbst, einmal auf den Straßen von Bogotá gelebt. Über die Figur bietet das außergewöhnliche dokumentarische Format einen reflektierten und behutsamen Zugang zu den Geschichten der Protagonistinnen. Alis wird zur Projektionsfläche für vergangene Schrecken, verloren gegangene Menschen, aber auch für Selbstentwürfe und Zukunftswünsche: An ihr zeichnen sich individuelle Ideen von Freiheit ebenso ab wie Kämpfe, die noch auszufechten sind.

Ak, Mark ve Ölüm
(Love, Deutschmarks and Death)

Director: Cem Kaya, Germany, 2022, 96´

Film still Aşk, Mark ve Ölüm, © filmfaust, Film Five

Mit den Menschen brachte das Anwerbeabkommen mit der Türkei 1961 auch die Musik der Gastarbeiterinnen nach Deutschland. Cem Kayas dichter Dokumentarfilmessay ist eine Nachhilfestunde in türkisch-deutscher Zeitgeschichte: Fließbandjobs, Heimweh und Familiennachzug, der Basar im Berliner Hochbahnhof Bülowstraße, Xenophobie und Rassismus, die wehmütigen Lieder der frühen Jahre und der Hiphop der Nachwendezeit. Von all dem erzählen die Musikerinnen, beginnend mit Metin Türköz und Yüksel Özkasap über die psychedelischen Derdiyoklar bis zum Rapper Muhabbet, der in den Charts stand. Ihre Musik entwickelte sich fernab von der deutscher Bands, immer getragen von der türkischen Gemeinschaft und deren Bedürfnissen. Es geht um Radio Yilmaz, diverse Musikkassettenlabels, das deutsche Exil des Protestrockers Cem Karaca und um Hochzeitsbands, die auch auf Kurdisch und Arabisch singen, um den Markt zu bedienen. Umfangreiche Archivrecherche und das Interesse an türkischer Populärkultur sind wiederkehrende Themen in Cem Kayas Werk. Mit Ak, Mark ve Ölüm schafft er ein rhythmisch und lebendig erzähltes, filmisches Nachschlagewerk der türkischen Musik in Deutschland.

Brainwashed: Sex-Camera-Power

Director: Nina Menkes
USA, 2022, 107´

CalArts Hosts Nina Menkes – Sex and Power

MeToo und der nicht länger verschwiegene Missbrauch unzähliger Frauen durch Harvey Weinstein haben seit 2017 in der Filmbranche vieles infrage gestellt. Die Grundlage für die vorliegende dokumentarische Analyse des Male Gaze im Kino bildet Nina Menkes’ Vortrag „Sex and Power: The Visual Language of Oppression“. Menkes deckt darin patriarchale Erzählstrukturen auf, die hinter vermeintlich klassischen Szenenauflösungen und Kadragen stecken. Anhand von Thesen der feministischen Filmtheoretikerin Laura Mulvey zur Objektifizierung und Sexualisierung des weiblichen Körpers zeigt sie, wie ästhetische Entscheidungen wie Kamerabewegung oder Lichtsetzung die Wahrnehmung von Frauen auf der Leinwand beeinflussen, wie das Shot Design als Instrument und Spiegel der Machtverhältnisse fungiert. Dabei arbeitet sie einen Zusammenhang zwischen etablierter Filmsprache und einer Kultur der Misogynie heraus, der jenseits der Leinwand zum Missbrauch von Frauen führt. Ihre Einzelanalysen von Szenen aus 120 Jahren Filmgeschichte entzaubern so manchen Kultfilm des Independent-Kanons – denn die patriarchal geprägte Filmsprache durchdringt nicht nur das Hollywood-Kino.

Dreaming Walls

Directors: Amélie van Elmbt, Maya Duverdier
Belgium, France, USA, Netherlands, Sweden, 2022, 80′

Film still Dreaming Walls, © Clin d’oeil films

Entrückt schwebt die Kamera, wabern Stimmen und Klänge durch die entkernten Räume eines Gebäudes. Archivmaterial legt sich mal als Projektion auf unverputzte Wände, mal als Tonspur unter die Ortsbegehung. Es ist das legendäre Chelsea Hotel, berühmt als Taubenschlag der New Yorker Boheme der 1950er- bis 1980er-Jahre. Außenseiterinnen der bürgerlichen Gesellschaft – Sexarbeiterinnen, Poetinnen, Queers und Künstlerinnen – konnten hier günstig unterkommen und Allianzen bilden. Die verbliebenen Mieterinnen aus jener Zeit gewähren Eintritt in ihre Wohnungen und Einblick in ihre Leben. Sie stehen im Mittelpunkt des Films, der die Gegenwart mit den Geistern der Vergangenheit verwebt. Der Abschluss der bereits acht Jahre andauernden Luxussanierung für eine Wiedereröffnung als Hotel wird von einigen Bewohnerinnen herbeigesehnt, von anderen mit Sorge erwartet. Die Filmemacherinnen porträtieren die Widerständigen und die Räume, die sie bewohnen, auf berührende Weise und fangen so ein kaleidoskopisches Zeitbild zwischen Verlustschmerz und Lebensfreude, zwischen Abschied und Unsterblichkeit ein.

If from Every Tongue It Drips

Director: Sharlene Bamboat
Canada, United Kingdom, Sri Lanka, 2021, 68´

Film still If from Every Tongue It Drips, © Sharlene Bamboat

If from Every Tongue It Drips ist ein hybrider Dokumentarfilm, der die Quantenphysik als Ansatz nutzt, um zu ergründen, wie persönliche Beziehungen und politische Bewegungen Zeit, Raum, Identität und Ort zugleich überschreiten und herausfordern. Der Film folgt dem Leben eines Paares, das in Batticaloa, Sri Lanka, lebt. Ponni schreibt Rekhti, eine Form queerer Urdu-Poesie aus dem 19. Jahrhundert; die andere, Sarala, ist die Kamerafrau. Während sich ihr persönliches Leben vor der Kamera entfaltet, lösen sich die Grenzen zwischen Probe und Realität, Verortung und Distanz, Selbst und Anderem auf und verstärken sich gegenseitig. Gleichzeitig werden durch den Alltag der Dichterin und der Kamerafrau Verbindungen zwischen britischem Kolonialismus, indischem Nationalismus und den Auswirkungen beider auf die zeitgenössische Poesie, den Tanz und die Musik in Südasien sichtbar.
If from Every Tongue It Drips erforscht sowohl die wörtliche als auch die bildliche Übersetzung als vielfältige Arten der Betrachtung, eingebettet in den filmischen Prozess, der sich als Austausch von Tönen, Texten und Bildern zwischen Montreal, Batticaloa und der Isle of Skye entfaltete. Die Untertitel des Films entstanden in Zusammenarbeit mit Collective Text aus Glasgow.

Jet Lag

Director: Zheng Lu Xinyuan
Switzerland, Austria, 2022, 111´

Film still Jet Lag, © ZHENGLUXinyuan

Eine der Reisen beginnt in Graz, im April 2020, mitten im Lockdown fliegt die Regisseurin zurück nach China: Flugverbindungen auf einem kaputten Handydisplay, Schutzanzüge an Bord, mit Klebeband versiegelte Hotelzimmertüren. Die Gegenwart verbindet sich von
Anfang an mit der Vergangenheit, einer Reise der Familie von China nach Myanmar. Was ist mit dem Urgroßvater geschehen, der in den 40er Jahren dort hingefahren und nie zurückgekommen ist? Sein Verschwinden bewegt seine Tochter, die Großmutter der Regisseurin, noch immer. Die Regisseurin filmt beide Reisen und alles, was sie umgibt, es ist schwer, die Dinge auseinanderzuhalten. Stets diese Faszination für Muster, Texturen, stets dieses körnige Video in Schwarz-Weiß, dieser Sinn für die Schönheit des Ungewöhnlichen, dieser unerschrockene Blick. Es ist schwer zu fassen, was Familie bedeutet, für die Großmutter, die Regisseurin, ihre Freundin und deren soziales Umfeld. Man unterhält sich, auf Mandarin und Englisch, voller Liebe, Solidarität, auch Schmerz. Die Freundin stellt fest, es gebe in dem Film keine Hauptfigur, aber wie auch? Die Seele ist an einem Ort, der Körper noch an einem anderen, Jetlag bedeutet den Verlust der Mitte.

 

Ladies Only

Director: Rebana Liz John
Germany, India, 2021, 79′

Film still Ladies Only, © Milann Tress John

Ein kleines Filmteam begibt sich in die den Frauen vorbehaltenen Abteile der Nahverkehrszüge in Mumbai. „Was macht Sie wütend?“, lautet die einfache Frage der Filmemacherin an die Passagierinnen. Bekannte und Zufallsbegegnungen werden eingeladen, in einem öffentlichen und zugleich geschützten Raum ihre Meinungen und Geschichten zu offenbaren. Die Antworten und Beobachtungen sind mannigfaltig: Mal lustig, mal deprimierend, mal kämpferisch, mal resigniert, aber stets ehrlich, fügen sie sich zu einem immer komplexer werdenden Bildteppich zusammen.
Ladies Only ist ein feministisches Porträt moderner indischer Großstädterinnen. Der Film gibt Einblicke in ihre Sichtweisen und
Lebensgestaltungsmodelle, ihre Ambitionen und ihre Freiheiten in einer hoch industrialisierten, wohlstandsgesteuerten Welt, weist in seiner politischen Dimension aber weit über die indische Gesellschaft hinaus. Ganz nebenbei erleben wir die Metropole Mumbai, ihre wilde Mischung aus Kulturen, Sprachen und Gesichtern, und ihre Farben, die selbst aus den stilvollen Schwarz-Weiß-Bildern des Films heraus zu leuchten scheinen.

Nelly & Nadine

Director: Magnus Gertten
Sweden, Belgium, Norway, 2022, 92´

Film still Nelly & Nadine © Auto Images

Inmitten des Konzentrationslagers Ravensbrück ertönt die Stimme der Opernsängerin Nelly. Es ist Weihnachten im Jahr 1944 als Nelly und Nadine sich zum ersten Mal begegnen. Nach der Befreiung finden sie einander wieder und bleiben ihr Leben lang zusammen. Heute stellt sich Nellys Enkelin Sylvie dem in einer Kiste verschlossenen Vermächtnis ihrer Großmutter. In Fotografien, Super-8- und Audioaufnahmen sowie in poetischen und erschütternden Tagebucheinträgen stößt die Enkelin nicht nur auf die Erinnerungen ihrer Großmutter an das KZ, sondern auch auf Zeugnisse eines gemeinsamen Lebens mit Nadine – einer Paarbeziehung, die von der Familie nie als solche benannt wurde. „Nothing is real until it’s socially expressed“, sagt die Historikerin Joan Schenkar im Gespräch mit Sylvie.
Über einen Zeitraum von einem Jahr begleitet Magnus Gertten die Enkelin auf ihrer behutsamen Suche und geht dabei den Spuren des Unerzählten nach, die in den unterschiedlichen Quellen zu finden sind. Ein ergreifender Film über eine tiefe lesbische Liebe und über die Notwendigkeit persönlichen und kollektiven Erinnerns.

Nel mio nome
(Into My Name)

Director: Nicolò Bassetti
Italy, 2022, 93´

Film still Into My Name, © Nuovi Paesaggi Urbani Art Of Panic

Die vier Freunde Nic, Leo, Andrea und Raff erzählen die Geschichten ihrer Gendertransitionen. Sie blicken auf ihre Kindheit und Jugend zurück, teilen persönliche Erinnerungen und Erfahrungen. Alle vier wurden als Mädchen sozialisiert, auch wenn sie nicht immer den gesellschaftlichen Normen von Weiblichkeit entsprachen. Jede ihrer Genderbiografien ist anders, dennoch lassen sich Parallelen erkennen. Das hilft, einander zu verstehen und sich nicht allein zu fühlen. Gespräche mit den Partner*innen, Pronomenwahl, Hormontherapie, OP-Entscheidungen und Behördengänge – die Prozesse sind vielfältig und langwierig. In der streng binären Welt, in der wir leben, ist der Entschluss, die eigene Geschlechtsidentität selbst zu bestimmen, ein subversiver Akt.
Nel mio nome gibt trans Menschen Raum, ihren persönlichen Weg zur eigenen Identität mit ihrem selbstgewählten Namen zu erzählen. Unmittelbar und einfühlsam werden auch die gesellschaftlichen Hürden gezeigt, die für die sozialen, körperlichen und rechtlichen Änderungen überwunden werden müssen.

Sab changa si
(All Was Good)

Director: Teresa A Braggs
India, 2022, 77′

Film still Sab changa si | All Was Good, © Teresa A Braggs

Sab changa si ist ein intimer Dokumentarfilm über Freundschaft, Sprache, Liebe, Jugend, Widerstand und Identität in Bezug auf Klasse, Kaste, Religion und Geschlecht. Er wurde zwischen 2019 und 2020 vor dem Hintergrund der landesweiten Studierendenproteste gegen das neue Staatsbürgerschaftsgesetz namens CAA (Citizenship Amendment Act) in Bangalore gedreht. In diesem Film ist das Politische persönlich.